Warum es in Zeiten der Genderdebatte Männerpsychotherapie braucht

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Wenn ich zum ersten Mal anderen Menschen von meinem Angebot erzähle, sind die Reaktionen sehr vielseitig: mal begegnete mir unverständliche Ablehnung, mal ein verlegenes Lächeln und ein anderes Mal sofort eine große Zustimmung.  Manche (eher kritische) Fragen sahen so aus: Eine extra Psychotherapie für Männer? Was soll das? Sollen hier Männer wieder bevorzugt werden? Wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern vor allem gesellschaftlicher Natur sind, wozu braucht es dann diese künstliche Unterscheidung? Für manche Menschen reicht bereits der Name, dass sie sich ein Urteil bilden. Wiederum andere reagierten mit etwas Verlegenheit, aber einer gewissen Offenheit. Dieser Blogeintrag richtet sich an alle, die gerne erfahren möchten, warum ich diesen Therapiestil anbiete und warum er gerade heute in Zeiten der Genderdebatte benötigt wird.

Kurz zusammengefasst lauten meine Annahmen:

  • Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen, sie sind einerseits biologisch, andererseits gesellschaftlicher Natur
  • Diese Unterschiede sind unter anderem dafür für die Probleme verantwortlich, die Männer zu einer Psychotherapie veranlassen
  • Männerpsychotherapie setzt genderspezifisch an und trägt so zum sozialen Wandel bei

Wer sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits geärgert hat, dass ich vereinfacht von Männern und Frauen spreche und auch prinzipiell auf meinem Blog auf Förmlichkeiten wie Innen, *Innen oder /Innen etc. verzichte, was auf meine Sensitivität für die Gender-Thematik hinweisen könnte, möge diesen Blogeintrag doch bitte bis zum Ende lesen und mich, falls noch nötig, dann erst in eine Schublade zu stecken.

 

Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen

Dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, bestreiten nur sehr wenige Menschen. Es gibt Regale voller Literatur über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich teils wissenschaftlich, teils populärwissenschaftlich ( á la „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) und teils humoristisch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Komiker wie Mario Barth oder Anke Engelke füllen ganze Stadien mit ihren Shows über die mehr oder weniger geschmackvoll dargestellten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber auch in ernsteren Diskussionen mit Freunden, die sich umfassend und kritisch mit Themen wie Gender auseinandergesetzt hatten, war ich überrascht über das Ausmaß an Zustimmung. Hintergrund der Zustimmung waren dabei eher private Beziehungskonflikte, die diese Unterschiedlich deutlich machten, als theoretische Debatten oder wissenschaftliche Befunde.

Aber auch diese gibt es zu Haufe in Studien und Büchern über Geschlechterunterschiede, seien sie emotional, im Denken, Verhalten oder im Gehirn. Die meisten der naturwissenschaftlichen Studien sagen nichts über die Herkunft dieser Unterschiede aus, also ob sie auf biologische Einflüsse zurückgehen oder vielleicht doch eher durch Erziehung und Sozialisation zurückzuführen sind. Diese Befunde sind also rein beschreibend (deskriptiv), und sagen ledigllich aus, dass es Unterschiede gibt. Im Gegensatz dazu stehen Aussagen, die eher normativ sind, also vorschreiben, ob diese Unterschiede sinnvoll sind und bestehen sollten oder nicht. Problematisch wird es erst dann, wenn solche Ergebnisse dazu benutzt werden, um zum Beispiel Ungleichheit zu rechtfertigen. In diesem Fall werden Studienergebnisse angeführt um einen Unterschied nicht nur deutlich zu machen, sondern einen Schritt weiterzugehen und einen Unterschied zu rechtfertigen. Hier wird das Feld Psychologie verlassen und das Feld der Politik betreten.

Eine weitere Diskussion besteht über die Herkunft der Unterschiede. An dieser Stelle möchte ich kurz die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Gender einführen. Beim Geschlecht sprechen wir in der Regel von unserer biologischen Ausstattung, von den primären Geschlechtsmerkmalen. Wir sind entweder männlich oder weiblich. Als Männer verfügen wir über ein XY-Chromosomenpaar und als Frauen über ein XX-Chromosomenpaar. Formen der Intersexualität z.B. bei einer XXY-Chromsomenausstattung bestehen, sind bei ca. 800 Geburten/Jahr in Deutschland jedoch eher selten. Diese unterschiedliche Ausstattung findet sich auch bei allen Lebewesen im Tierreich und erfüllt eine biologische Funktion, die zumeist für die Fortpflanzung und Aufzucht des Nachwuchses bedeutsam ist.

 

Biologische Unterschiede in Interaktion mit der Umwelt

An der Tatsache, dass es biologische Unterschiede gibt, lässt sich kaum zweifeln. Wie stark diese genetisch kodierten Unterschiede jedoch zur Ausprägung kommen, hängt jedoch vor allem von der Umwelt des Kindes ab. Die primäre Umwelt des Kindes ist nach der Geburt in der Regel das Elternhaus. Hier lernt das Kind schon in den ersten Lebensmonaten, dass die Farbe hellblau dem männlichen Geschlecht zugeordnet ist und rosa dem weiblichen. Jungs bekommen einen Bagger zum Spielen und Mädchen Puppen, ganz zur Freude der Textil- und Spielzeugindustrie. Aber das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Denn unter der Wasseroberfläche liegen die zahlreichen Einstellungen, die sehr viel weniger bewusst sind, da sie nicht explizit vermittelt werden. So erzeugt zum Beispiel die Art der Erwerbsarbeit von Vater und Mutter unterschiedliche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, aber auch die Rollenaufteilung von Erwerbsarbeit, Haushalt und Kindern. 

Entscheidend sind aber auch die Rollenerwartungen der Eltern: Wie hat sich der Sohn zu verhalten, um mal ein echter Mann zu werden, bzw. die Tochter zur Frau? Während Jungen beim Spiel toben und raufen dürfen, haben Mädchen brav zu sein. Während Jungs auch mal wütend sein dürfen, dürfen Mädchen dafür eher mal weinen. Vor allem der Umgang der Eltern mit schwierigen Emotionen des Kindes wird stark durch Rollenerwartungen bestimmt: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ „Männer weinen nicht etc.“. Im Laufe des Lebens lernt der Junge sich mit diesen Ansichten und Werten zu identifizieren, was sein späteres Leben prägt und zu zentralen Unterschieden im Erleben und Verhalten beiträgt. Und genau diese Unterschiede führen zu den genderspezifischen Unterschieden im Erleben und Verhalten, wie auch den genderspezifischen Probleme die in einer entsprechenden Psychotherapie im Vordergrund stehen.

 

Erst Biologie, dann Umweltinteraktion

Dennoch wäre es sicher falsch von einer 100%igen Prägung durch Umweltfaktoren auszugehen. Lange bevor die Eltern das Geschlecht des Kindes im Ultraschall sehen können, wirken die biologischen Prozesse bereits. Ab der 7. Schwangerschaftswoche bestimmt das Y-Chromosom die Ausbildung der primären Geschlechtsmerkmale. Die Freisetzung des Hormons Testosteron führt zur Ausprägung der sekundären Geschlechtsorgane und bestimmt die sexuelle Orientierung mit. Das alles geschieht vor der Geburt und somit ohne jedweden Einfluss von Sozialisierung. Primär sind somit die biologischen Faktoren und dann erst kommt es zur Interaktion mit der Umwelt. Ein dem männlichen Rollenstereotyp entsprechender Erziehungsstil führt wiederum zu entsprechenden neuronalen Strukturen, auf die sich später Wissenschaftler beziehen, wenn sie die Unterschiede zwischen Männern und Frauen neuronal begründen wollen. Der durch Rollenstereotypien geprägte Mann vererbt wiederum nicht nur seine Veranlagung (z.B. zur Produktion einer bestimmten Menge von Testosteron). Er gibt auch seine mit seinem Männlichkeitsbild identifizierten Werte und Vorstellungen an seinen Sohn weiter.

An dieser stelle möchte ich nochmal betonen, dass es hier lediglich um die Beschreibung von Unterschieden geht. Ob diese Unterschiede als sinnvoll erlebt werden und fortbestehen sollen oder nicht, wird der Leser aufgrund seiner eigenen politischen Haltung für sich entscheiden müssen. Dabei finde ich es jedoch wichtig, dass das Feld der Naturwissenschaft verlassen wird und das Feld der Politik und der Normation betreten wird. Mein weiterer Diskurs widmet sich jedoch meinem Arbeitsfeld: der Psychotherapie.

 

Unterschiede in der Psychotherapie

Die eben beschriebene Interaktion von Anlage und Umwelt hat nicht nur Konsequenzen für Unterschiede im Erleben und Verhalten, sondern auch dafür, welche psychischen Probleme entstehen und wie diesen begegnet wird. Ein sehr drastisches Beispiel: Männer entscheiden sich im Vergleich zu Frauen öfters für Suizid und seltener für eine Therapie. Das spiegelt sich in Studien wieder, die zeigen, dass Männer 3-mal häufiger als Frauen Suizid begehen und in Therapien lediglich 30-40% der Patienten ausmachen. Während Männer im Schnitt heute vielleicht noch mehr verdienen sind sie bzgl. Psychotherapie schlechter versorgt. Ein wichtiger Grund dafür ist die Angst vor Stigmatisierung, da die Inanspruchnahme von Psychotherapie für viele Männer schwer mit ihrem Bild von Männlichkeit vereinbar ist. Aber auch in der Therapie fürchten sich Männer oft vor Stigmatisierung. Bei Themen wie Sexualität und Aggressionen ist die Angst vor der Ablehnung durch eine Therapeutin größer. Sie bevorzugen deshalb oft einen männlichen Psychotherapeuten. Diese sind allerdings eher rar gesät(10% der Psychologischen Psychotherapeuten sind Männer). Auch der Anlass für eine Therapie ist unterschiedlich. Männer leiden in der Regel unter dem Nachlassen von Leistung im Rahmen von Burnout, sexuellen Funktionsstörungen oder Depressionen. Andere Männer leiden unter ihren Problembewältigungsversuchen wie Alkoholkonsum, illegale Drogen oder andere Verhaltenssüchte.

Hat der Mann es erst einmal nach oft langer Wartezeit überhaupt in eine Psychotherapie geschafft, folgt die nächste Hürde. Denn aufgrund der Sozialisierung vieler Männer, fällt es uns schwerer uns unsere Problembereiche anzusprechen und Hilfe anzunehmen. So werden viele Leiden von Männern nicht adäquat erkannt und bleiben somit unbehandelt. Und selbst wenn die Leidenszustände erkannt wurden, bleibt unklar, ob ein Mann vom Therapieangebot profitiert. Das Werkzeug der Psychotherapie besteht nämlich aus Gesprächen über Emotionen und alltäglichen Problemen und genau hier liegen ja viele erziehungsbedingte Schwierigkeiten der Männer. Die Irrungen und Wirrungen von Männern in und innerhalb der Psychotherapie sind also vielseitig.

Ist der Weg in die Therapie geschafft, gibt es oftmals aber auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich des zu bearbeitenden Themas. Wenn beispielsweise die Ehefrau unter der emotionalen Distanziertheit leidet oder dem Mann im Zustand der Kränkung die Hand ausgerutscht ist und die Frau nun mit Scheidung droht. Oder sich der Klient aufgrund seines verminderten Zugangs zu seinen eigenen Bedürfnissen für seinen Arbeitgeberausbrennt und sich irgendwann erschöpft, leer und orientierungslos fühlt.

Auch hier ist ein entsprechendes Vorgehen gefragt, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen weder negiert, noch mit Plattitüden beantwortet. Und genau dieses Vorgehen wird in der Männerpsychotherapie verwirklicht.

 

Männerpsychotherapie und gesellschaftlicher Wandel

Männerpsychotherapie dient dazu, die durch den gesellschaftlichen Wandel neu gewonnene Offenheit zu nutzen und das so entgegengebrachte Vertrauen verantwortungsvoll zu nutzen. In dieser Therapie führen so genderspezifische Probleme mit genderspezifische Techniken hin zu genderspezifischen Antworten.

Männerpsychotherapie ist dabei weder ein politisches Instrumentarium noch eine Einheitstherapie für Männer. Im Vordergrund jeder Männerpsychotherapie steht immer das Individuum mit seiner individuellen Lebenssituation, den Problemen und natürlich auch den Fähigkeiten und Stärken. Jede Männerpsychotherapie wird so zu einem individuellen Prozess. Dieser Prozess findet vor einem gesellschaftlichen Hintergrund statt. Die Positionierung innerhalb dieser Debatte überlasse ich jedoch lieber dem Klienten, ebenso wie dem Leser.

Bereit für eine Männerpsychotherapie?